Automatisierte Mobilität hautnah: Fachexkursion in die Schweiz

Am 08. und 09. April 2026 führte eine gemeinsam mit dem RZU – Planungsdachverband Region Zürich und Umgebung organisierte Fachexkursion das Projektteam von HAF-ALP-TOUR nach Regensdorf und Zürich (Schweiz). Ziel der Exkursion war es, automatisierte Mobilitätsangebote im Realbetrieb kennenzulernen und gemeinsam mit Expert:innen aus Politik, Verwaltung, Tourismus und Mobilität aus Österreich und der Schweiz zentrale Fragestellungen für ihren Einsatz in alpinen und ländlichen Regionen zu diskutieren.

Testfahrten im Furttal: Automatisierung im Alltagsverkehr

Ein besonderes Highlight waren Testfahrten mit den Fahrzeugen aus dem Pilotprojekt iamo, das seit Anfang des Jahres im Furttal läuft. Die Fahrten zeigten eindrucksvoll, wie weit sich die Technologie automatisierter Fahrzeuge inzwischen entwickelt hat. Auch wenn aktuell noch ein:e Sicherheitsfahrer:in mit an Bord ist, war es bemerkenswert zu sehen, wie souverän die Fahrzeuge bereits mit den komplexen Anforderungen des alltäglichen Straßenverkehrs umgehen können. Die hohe Präzision der Sensorik und die flüssige Interaktion mit anderen Verkehrsteilnehmer:innen verdeutlichten, dass die technologische Basis für innovative Mobilitätslösungen – auch mit Blick auf den Tourismus im alpinen Raum – bereits gut entwickelt ist und in eine für praktische Anwendungen greifbare Nähe rückt.

Projekt iamo: Integration statt Insellösung

Andreas Jossen (SBB) und Mathias Sieber (Amt für Mobilität des Kantons Zürich) gaben vertiefende Einblicke in das Projekt iamo und stellten unter anderem die geplante Fernüberwachung der Fahrzeuge vor. Das Furttal wurde bewusst als Pilotregion ausgewählt: Zwar ist das Tal mit einer S-Bahn-Linie gut erschlossen, jedoch sind die Querverbindungen zwischen den Gemeinden bislang unzureichend durch den öffentlichen Verkehr abgedeckt. Das Projektgebiet umfasst rund 110 km mit über 460 Haltepunkten, die in enger Abstimmung mit den teilnehmenden Gemeinden festgelegt wurden. Derzeit befindet sich das Projekt noch in der Testphase. Im Laufe des Jahres soll der Betrieb mit drei Fahrzeugen für die Bevölkerung starten – anfänglich mit Sicherheitsfahrer:innen an Bord, die später durch eine Fernüberwachung abgelöst werden sollen. Größere automatisierte Busse befinden sich aktuell noch im Zulassungsprozess und sollen mittelfristig die Flotte ergänzen.

Austauschrunden mit lokalen und regionalen Akteur:innen

In den anschließenden Austauschrunden wurden politische, räumliche und betriebliche Perspektiven zusammengeführt. Barbara Schaffner, Gemeindepräsidentin von Otelfingen und Nationalrätin, unterstrich die Bedeutung klarer regulatorischer Rahmenbedingungen sowie die zentrale Rolle der Gemeinden im Umsetzungsprozess. Besonders wichtig war ihr die frühe und transparente Information der Bevölkerung. In einer großen öffentlichen Veranstaltung wurden offene Fragen – von Datensicherheit bis zum konkreten Ablauf des Projekts – ausführlich diskutiert. In einer abschließenden Runde zeigte sich, dass die Bevölkerung in Otelfingen automatisierten Mobilitätsangeboten insgesamt sehr offen und positiv gegenübersteht.

Gemeinsam umsetzen: Neue Wege im Mobilitätssystem

Pascal Kern (Amt für Mobilität des Kantons Zürich) fasste die Rahmenbedingungen des Projekts iamo zusammen und betonte die Notwendigkeit einer koordinierten Steuerung sowie einer konsequenten Integration in das Gesamtsystem des öffentlichen Verkehrs. Besonders eindrücklich war das starke Engagement der zahlreichen Projektpartner:innen, die gemeinsam daran arbeiten, automatisiertes Fahren in der Schweiz schrittweise in die Praxis zu überführen. Dabei wurde deutlich: Neue Wege entstehen vor allem durch gemeinsames Ausprobieren – und viele Antworten lassen sich erst im praktischen Betrieb finden.

Mobilität und Raum: Chancen und Zielkonflikte

Auch die räumlichen Perspektiven standen im Fokus. Eva Maria Kopf (RZU) sowie das Projektteam von HAF-ALP-TOUR zeigten auf, wie eng Mobilität und Siedlungsentwicklung miteinander verknüpft sind und welche Chancen, aber auch Zielkonflikte automatisierte Angebote mit sich bringen können. Ein zentraler Punkt dabei: Automatisierte Fahrzeuge sollten gezielt dort eingesetzt werden, wo der klassische öffentliche Verkehr an seine Grenzen stößt, und als sinnvolle Ergänzung, nicht als Konkurrenz zum bestehenden ÖV fungieren.

Relevanz für alpinen Tourismus: Erkenntnisse aus HAF-ALP-TOUR

Die Diskussionen in den Austauschrunden knüpfen unmittelbar an zentrale Fragestellungen des Forschungsprojekts HAF-ALP-TOUR an, das sich mit der Rolle automatisierter Mobilität für die räumlich-verkehrliche Entwicklung beschäftigt – insbesondere in touristisch geprägten alpinen Regionen. Derzeit reisen noch über 80 % der Urlaubsgäste mit dem Pkw an, obwohl rund drei Viertel der Tourismusregionen in Österreich öffentlich gut erschlossen wären. Hauptgründe sind häufig die unzureichend gelöste „letzte Meile“ und der Transport von Gepäck. Gleichzeitig findet vor allem in städtischen Räumen ein deutlicher Modal Shift vom Pkw hin zum öffentlichen Verkehr statt. Immer weniger Haushalte besitzen ein eigenes Auto, und diese veränderten Mobilitätsgewohnheiten werden künftig auch die öffentliche Anreise in den Urlaub stärker prägen. Regionen, die hier frühzeitig attraktive, komfortable und verlässliche Angebote schaffen, können sich einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Destinationen sichern.

On-Demand-Mobilität in der Praxis: MyBuxi

Am zweiten Tag der Exkursion stand ein weiteres Highlight am Programm: Andreas Kronawitter gab detaillierte Einblicke in MyBuxi – ein seit 2018 erfolgreiches On-Demand-Angebot in ländlichen Regionen der Schweiz. Die Fahrdienste werden aktuell noch von ehrenamtlichen Fahrer:innen aus den jeweiligen Regionen durchgeführt, die ein außergewöhnlich hohes Commitment mitbringen und in Problemfällen oft pragmatische, selbstorganisierte Lösungen finden. Während viele On-Demand-Dienste langfristig nicht bestehen können, gelingt es MyBuxi, sich dank eines klaren Fokus auf hohe Servicequalität, Verlässlichkeit und Flexibilität dauerhaft zu etablieren und kontinuierlich auf weitere Regionen auszuweiten.

Durch regelmäßige Nutzer:innenbefragungen und systematische Datenauswertungen weiß das Team genau, worauf es ankommt, und entwickelt den Dienst vorausschauend weiter. Perspektivisch gehört dabei auch die Einbindung automatisierter Fahrzeuge dazu – sowohl, um langfristig Kosten zu senken, als auch um dem erwartbaren Fahrer:innenmangel entgegenzuwirken. Die großen Herausforderungen bei der Automatisierung seiner Flotte sieht Andreas Kronawitter nicht in der Fahrzeugtechnik, sondern im Ausbau der Mobilfunk- bzw. Mobile-Daten-Netze sowie in sozialen und emotionalen Fragen, wie dem persönlichen Wohlfühlfaktor ohne Fahrer:in im Auto.

Videos von den Testfahrten mit den Fahrzeugen des Projektes “iamo”

Testfahrt Video 1: Ansicht von außen

Testfahrt Video 2: Ansicht von innen

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